Wein zu verkosten klingt zunächst nach einer Sache für Menschen, die Begriffe wie „Mineralität“ oder „Tanninstruktur“ ganz selbstverständlich benutzen. Das musst du nicht können. Eine gute Verkostung beginnt viel einfacher: Du nimmst dir Zeit, beobachtest den Wein und achtest darauf, was dir auffällt. Es gibt dabei keine Prüfung und keine geheimen Musterlösungen.
Ich verkoste seit zwölf Jahren Weine und schaue mir an, was die Händler gerade anbieten. Die meisten Aktionen sind ihr Geld nicht wert – ich zeige dir, bei welchen Angeboten es sich lohnt, und sage dazu, warum. Beim Verkosten gilt derselbe Grundsatz: Entscheidend ist nicht, möglichst kompliziert zu klingen, sondern den eigenen Eindruck klarer zu bekommen. Mit ein paar einfachen Schritten kannst du schon beim nächsten Glas besser einschätzen, was vor dir steht und ob es dir gefällt.
Der richtige Rahmen macht einen Unterschied
Wähle zunächst einen ruhigen Ort und ein möglichst neutrales Glas. Ein farbiges oder stark bauchiges Dekor kann den Eindruck verfälschen. Der Raum sollte nicht nach Essen, Duftkerzen oder Reinigungsmitteln riechen. Auch direkt nach dem Zähneputzen, Kaffeetrinken oder dem Verzehr sehr scharfer Speisen schmeckst du weniger zuverlässig.
Im August bietet sich eine Verkostung an einem warmen Abend an. Achte aber darauf, den Wein nicht zu stark aufzuwärmen. Weißwein und Rosé wirken meist angenehmer, wenn sie gut gekühlt sind. Rotwein darf ebenfalls leicht kühl sein, besonders bei sommerlichen Temperaturen. Zu warme Weine erscheinen schnell schwer, alkoholisch und weniger frisch.
Schritt eins: Anschauen
Fülle das Glas nur etwa zu einem Drittel. Halte es am Stiel oder am unteren Bereich fest und betrachte die Farbe vor einem hellen, möglichst weißen Hintergrund. Ist der Wein sehr hell oder kräftig gefärbt? Wirkt er eher gelblich, grünlich, roséfarben oder rubinrot? Diese Beobachtung verrät nicht automatisch, ob ein Wein gut ist. Sie hilft dir aber, deinen ersten Eindruck festzuhalten.
Schwenke das Glas anschließend vorsichtig. Bei Weiß- und Roséwein reichen kleine Bewegungen. Schau danach, wie der Wein am Glas herunterläuft. Dickere, langsamere Spuren können auf mehr Alkohol oder einen höheren Zuckergehalt hinweisen. Das ist jedoch nur ein Hinweis und kein Qualitätsurteil. Vermeide es, aus der Farbe allein auf Geschmack oder Alter zu schließen.
Schritt zwei: Riechen
Rieche zuerst am ruhigen Wein, ohne ihn zu bewegen. Was ist dein spontaner Eindruck? Erinnert dich der Duft an Zitrusfrüchte, Apfel, Pfirsich, Beeren, Kräuter, Blumen oder Gewürze? Vielleicht riechst du auch etwas, das an Brot, Holz oder getrocknete Früchte erinnert. Du musst den exakten Namen nicht finden. „Fruchtig“, „würzig“, „frisch“ oder „zurückhaltend“ sind völlig brauchbare Beschreibungen.
Schwenke das Glas nun erneut und rieche ein zweites Mal. Durch die Bewegung gelangt mehr Duft an die Oberfläche. Vergleiche beide Eindrücke: Wird der Wein offener? Entdeckst du etwas Neues? Achte außerdem darauf, ob der Duft sauber und angenehm wirkt. Ein deutlich muffiger, essigartiger oder ungewöhnlich chemischer Geruch kann auf einen fehlerhaften Wein hindeuten. Wenn du unsicher bist, lass das Glas einige Minuten stehen und prüfe noch einmal.
Schritt drei: Probieren
Nimm zunächst nur einen kleinen Schluck und verteile ihn kurz im Mund. Achte auf drei einfache Punkte:
- Frische: Wirkt der Wein lebendig und macht er den Mund wässrig? Das kommt häufig durch Säure und ist besonders an warmen Augustabenden angenehm.
- Fülle: Fühlt sich der Wein leicht, mittelkräftig oder eher schwer an? Ein leichter Wein verschwindet meist schnell vom Gaumen, ein kräftiger bleibt länger präsent.
- Trockenheit: Fühlt sich dein Mund nach dem Schlucken zusammenziehend oder rau an? Dieser Eindruck kommt vor allem bei Rotwein von Gerbstoffen, auch Tanninen genannt. Das ist nicht dasselbe wie Säure.
Schlucke oder spucke den Wein anschließend aus, wenn du mehrere Weine vergleichst. Achte darauf, wie lange der Geschmack bleibt. Ein kurzer Nachhall ist nicht automatisch schlecht, ein langer nicht automatisch gut. Frage dich vielmehr, ob dir der Schluss angenehm erscheint und ob du noch einen Schluck möchtest.
Notiere deinen Eindruck in einfachen Worten
Für den Anfang genügt ein Blatt Papier mit vier Zeilen: Aussehen, Duft, Geschmack und persönliches Urteil. Schreibe nicht nur „gut“ oder „schlecht“, sondern zum Beispiel: „hell, riecht nach Apfel, frisch, eher leicht, für einen warmen Abend passend“. Ergänze, was dir gefehlt hat: zu sauer, zu bitter, zu süß, zu schwer oder zu wenig aromatisch.
Verkoste nach Möglichkeit zwei oder drei unterschiedliche Weine nebeneinander. Unterschiede erkennst du im Vergleich leichter als bei einem einzelnen Glas. Wichtig ist, die Reihenfolge sinnvoll zu wählen: Beginne mit dem leichtesten und frischesten Wein, danach kommen kräftigere oder süßere Varianten. Zwischen den Gläsern hilft stilles Wasser. Stark gewürzte Speisen solltest du während der Verkostung vermeiden.
Dein Geschmack ist kein Fehler
Der wichtigste Schritt ist am Ende die persönliche Frage: Würdest du davon gern noch ein Glas trinken? Ein Wein kann handwerklich sauber und trotzdem nicht dein Fall sein. Vielleicht magst du weniger Säure, mehr Frucht oder einen leichteren Stil. Solche Vorlieben verändern sich außerdem mit dem Essen, der Jahreszeit und dem Anlass.
Wenn du regelmäßig verkostest, werden deine Beschreibungen von selbst genauer. Du musst keine Fachbegriffe auswendig lernen. Schau hin, rieche bewusst, probiere langsam und vergleiche deine Eindrücke. So entscheidest du mit der Zeit sicherer – nicht, weil du jede Weinbeschreibung kennst, sondern weil du weißt, was dir tatsächlich schmeckt.